Ausgewählte Gedichte
Des Poeten Not
von Angelika Diem
Früher war's fast eine Last
so ein Poet zu sein
der Hunger, der war steter Gast
im engen Kämmerlein.
Im Schweiße seines Angesichts
und schwachem Kerzenscheine
fischte er Worte aus dem Nichts
und presste sie in Reime
Denn alles, was nicht stimmig klang,
das konnte er verbrennen
so wurd' das Reimen ihm zum Zwang
wie das im Kreise rennen.
Und wenn es eine Silb' nur war,
die sich des Jambus wehrte,
und wenn der Daktylus dann gar'
zum Trochäus sich verkehrte
Da tat sich der Poet dann schwer
und flucht’ den engen Ketten
ein Alexandriner musste her,
den Reim am Schluss zu retten.
Sodann, nach langem Ringen, griff
der Poet nach der Feder
gebunden ward's nach letztem Schliff
in Pergament und Leder.
Doch alles Sinnen, alles Mühn,
ward selten dann zu Gold
nur wer sich großer Namen rühmt,
dem war Fortuna hold.
Die kleinen Dichter, groß an Zahl
die längst schon sind vergessen,
die hatten leider keine Wahl,
sie mussten schließlich essen.
So warfen sie die Feder fort
und gaben auf das Reimen
um als Tischler statt dem Wort
nun Stühle brav zu leimen